Leben und Führen. Sind Tugenden altmodisch und überholt?

Tugenden? Leadership Literatur und Seminare sprießen kontinuierlich aus dem Boden. Neue Trends, neues Vokabular … In einem Moment des Innehaltens die Frage nach einem scheinbar ganz unmodernen Begriff – dem Begriff der Tugend. 

Tugend – das hört sich im Jahre 2019 für viele sauertöpfisch und moralinhaltig an. 

Doch wie war das eigentlich mit den sogenannten Tugenden? Und was können sie uns heute, befreit auch von traditionellen Zwängen, vermitteln? Hier Gedankenanstöße…  

Griechische, römische und jüdische Philosophen, Rhetoriker und Kirchenlehrer der Antike und späterer Zeiten beschäftigten sich ebenso wie Autoren anderer Kulturkreise mit den Tugenden. Nicht immer sind die Tugenden identisch. Jedoch kristallisieren sich in unserem Kulturkreis Kardinaltugenden heraus, die über Jahrhunderte gelten. Nehmen wir hier beispielhaft Cicero. Er nennt:

  1. Gerechtigkeit (iustitia),
  2. Mäßigung (temperantia),
  3. Tapferkeit, Mut und Hochsinn (fortitudo, magnitudo animi bzw. virtus) und
  4. Weisheit oder Klugheit (sapientia bzw. prudentia).

Warum Kardinaltugenden? Lateinisch cardobezeichnet die „Türangel,“, den „Dreh- und Angelpunkt“. Gemeint sind Grundtugenden. Wir befinden uns damit im Zentrum der Ethik. Lassen Sie das Bild der Türangel auf sich wirken…

Dazu treten bei Paulus und der katholischen Kirche drei theologische, „göttliche“ Tugenden: „Glaube, Liebe, Hoffnung.“ Auch diese sind uns ja meist immer noch bekannt.

Beschränken wir uns hier auf die vier Kardinaltugenden. Bringt denn das Nachdenken darüber heute etwas? Bringt das Umsetzen etwas?

1. Tugend: Gerechtigkeit

Falls Sie Kinder haben, kennen sie vielleicht den hoch emotionalen, ungefilterten Ausruf „Das ist ja soooo ungerecht!!!“

Aber denken und fühlen nicht auch Sie das manchmal in Ihrem Leben, beim Lesen von Zeitungsnachrichten und im Unternehmensalltag? Was macht es mit Kollegen und Mitarbeitern, wenn sich bei ihnen das Gefühl einstellt, die Führungskraft, die Menschen, die das Unternehmen leiten, seien ungerecht?

Muss man Bücher über Motivation lesen, muss man Seminare über Führung besuchen, um zu verstehen, was dies bewirkt? Selbst bei eigentlich hoch motivierten Menschen bewirkt? Sollte Führung nicht also einem gesunden Verständnis von Gerechtigkeit Rechnung tragen?

2. Tugend: Mäßigung

Ein weites Feld… Mäßigung der Emotionen und Reaktionen, die Angst von Mitarbeitern etwa vor „cholerischen“ Führungskräften, bei Forderungen…

Oder auch Mäßigung im Umgang mit Alkohol und Essen… Nicht wenige meiner Klienten haben einen erheblichen Alkoholkonsum, entstanden durch regelmäßige Abendveranstaltungen, durch gemeinsames Sitzen mit Kollegen an der Hotelbar. Alkohol zur Entspannung und zum „Runterfahren“ am Abend. Aufgrund von Überforderung und Frust, Einsamkeit, fernab von der Familie. Nicht wenige sind nach geltenden medizinischen Kriterien alkoholabhängig.

Was macht es mit jemandem, wenn das eigene Verhalten nicht mehr wirklich selbstgesteuert ist, auf „Autopilot“… – damit aber nicht mehr selbstgesteuert wird? Will ein Executive wirklich die Kontrolle verlieren? Nicht die Fähigkeit zur Selbstführung haben? Die ja doch vor der Führung von Mitarbeitern oder der Erziehung von Kindern steht.

Mäßigung… Gehälter, Bonizahlungen ab gewissen Dimensionen? Wo liegt da ein gutes Maß?  Auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext? 

3. Tugend: Mut

Etwa in Form von Zivilcourage. Beispiel Elternabend. Kennen Sie das Thema? An den Tagen, in den Stunden vorher: Eltern im Aufruhr, die Klassenlehrerin wird (in ihrer Abwesenheit) niedergemacht. Beim Elternabend selbst: Dieselben Eltern sitzen brav auf den kleinen Stühlen der Kinder. Hören der Lehrerin zu. Keiner sagt etwas. Sie allein holen die Kastanien aus dem Feuer, für alle. Oder auch Sie trauen sich nicht. Bleiben still auf Ihrem Stühlchen sitzen.

Es erübrigt sich hier auf LinkedIn sicher, Beispiele aus dem Unternehmensalltag anzuführen. Ich höre sie in meinen Coachingsessions jede Woche. 

4. Tugend: Weisheit/Klugheit

Begriffe, die nicht allzu sehr in Mode sind. Weisheit: Sie scheint etwas zu sein, was in die Rubrik „Sinnsprüche und Zitate“ gehört. Haben wir den Anspruch an uns selbst verloren, uns auf Weisheit hin zu entwickeln?

 „Die weise Alte“? „Der weise Alte?“ Das Ansehen, das zu anderen Zeiten, in anderen Kulturen etwa ein Stammesältester haben konnte. Derzeit nicht gefragt. Oder doch? Wie kommt es zu einer so späten Popularität von Helmut Schmidt? (Ohne zu ihm hier inhaltlich Stellung zu nehmen.) Ist da nicht doch eine Sehnsucht nach Weisheit? Eine Leerstelle, die besetzt sein will?

Was ist mit den Entscheidungen, die in erster Linie darauf angelegt sind, Anleger auf der nächsten Aktionärsversammlung zufriedenstellen? Oder auf den zeitlichen Horizont von Geschäftsführerverträgen? Wann sind taktische Entscheidungen auch kluge Entscheidungen für langfristig angelegte Unternehmen?

Gerechtigkeit, Mäßigung, Mut, Weisheit.

Türangel, Drehpunkt, Angelpunkt… 

Nicht nur theoretische Spielwiese. Brandaktuell, oder? Was meinen Sie?

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